Stifterportrait

Nächstenliebe als Motivation

Marie-Theres Kessel und Antonie Jamrowski erinnern mit ihrer Stiftung MusikLeben an ihre verstorbenen Eltern

Wenn Marie-Theres Kessel (56) und Antonie Jamrowski (53) an ihre verstorbenen Eltern denken, bekommen sie mitunter glänzende Augen. Bei den Erinnerungen an sie, brechen sie mal in Lachen aus, mitunter werden die Augen aus tiefer Verbundenheit feucht. Mit jeder Faser verkörpern die Schwestern die christlichen Werte und die Nächstenliebe, die ihre Familie, Werte und Haltung bis heute prägt. Freudestrahlend und zugleich sehr bescheiden berichten sie, warum sie im Gedenken an ihren Vater Anton und ihre Mutter Therese die 2008 unter dem Dach der Bürgerstiftung Bonn gegründete Stiftung MusikLeben verkörpern, mit Leben füllen und sich daran erfreuen. „Wir möchten die Erinnerung an Vater und Mutter wachhalten und gleichzeitig etwas Gutes für andere Menschen tun.“

Die Musik, die sie schon im Elternhaus fast täglich begleitete, stellt dabei nach ihrer Einschätzung genau das richtige Instrument dar. Ihre Stiftung fördert zum Beispiel das Projekt Canto elementar, das durch den Il canto del mondo e.V. in Kooperation mit der Musikschule der Stadt Bonn in vier Bonner Kindergärten durchgeführt wird. Bis zu zehn ehrenamtliche Singpaten, in der Regel Seniorinnen und Senioren, singen einmal wöchentlich rund 45 Minuten lang gemeinsam mit den Kindern Volks- und Kinderlieder. Für Marie-Theres und Antonie steht fest: „Musik kann Brücken schlagen zwischen Jung und Alt, zwischen Behindert und Nicht-Behindert.“

Nicht nur eine musikalische, sondern eine sehr starke soziale Komponente prägt auch das Projekt „Ludwig singt“.  Dabei unterstützen Kinderchor - Coaches des Netzwerks Ludwig van B., Lehrerinnen und Lehrer, jedes Jahr mit den Grundschülern ein Liederrepertoire von 10 bis 15 deutschen Kinder- und Volksliedern einzustudieren. Zum krönenden Abschluss präsentieren sie ihr Repertoire ihren Familien in einem großen Konzert. Das Konzert "Singfonie" dient als besondere Motivation, da hierdurch alle beteiligten Kinder und Lehrer ein konkretes Ziel vor Augen haben. Ehrgeiziges Ziel ist es, bis zum Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 möglichst viele Bonner Grundschulen fürs Singen begeistert zu haben.

Dass Marie-Theres und Antonie bis heute so fasziniert sind von der Musik, sie geradezu leben, verwundert angesichts ihrer Historie nicht. Ihr Vater (von seinen Töchtern liebevoll "mon père" genannt), im Beruf Steuerberater und äußerst erfolgreicher Börsianer, spielte aus Hobby die Orgel in der Endenicher Pfarrkirche und auf dem Kreuzberg. „Natürlich“ mussten die Töchter mitgehen. „Wunderbare Sonntage für Pubertierende“, kommentiert lachend Antonie. Es war halt, sagen die beiden, wie in jeder Familie. Es gab nicht nur eitel Sonnenschein. Hing der Haussegen einmal schief, rückte ihn oftmals die Musik wieder gerade. Denn auch in jener Zeit, in der für Heranwachsende erfahrungsgemäß die Eltern „schwierig“ werden, genossen sie das gemeinsame Musizieren. Blockflöte, Klavier und Gitarre zählten zu den Instrumenten, die die Geschwister erlernten und bis heute – auch in Gesellschaft – spielen.

Dass es ihr Vater zu Reichtum brachte, lag nicht an seinem eigentlichen Beruf, sondern am erfolgreichen Umgang mit einer Vielzahl von Mannesmann-Aktien („Sein Hobby“). Er war zudem geprägt vom tiefen Bedürfnis, im Alter finanziell nicht auf andere angewiesen sein zu müssen. Hatte er doch erlebt, dass es seinem Vater, der seinen Lebensunterhalt als Gärtner verdient hatte, anders widerfahren war.

Die Idee, nicht nur an andere Stiftungen zuzustiften, sondern außerdem eine eigene Stiftung zu gründen, entwickelten nach Antons Tod Mutter Therese und Marie-Theres. Antonie ließ sich schnell begeistern. Die Schwestern betonen die Bedeutung der Rolle ihrer Mutter: „Sie war immer sehr bescheiden und wollte stets andere unterstützen. Sie hat unserem Vater den Rücken freigehalten und damit erst ermöglicht, ein Vermögen zu erwirtschaften.“ Und da der Apfel nun einmal nicht weit vom Stamm fällt, übertrug sich die Haltung, für andere da sein zu wollen, auf ihre Töchter. Sie sagen heute: „Vermögen bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen. Deshalb ist es für uns beide, die wir beide keine Kinder haben, ein großes Bedürfnis, jedes Jahr zu spenden.“ Davon kann so manche Einrichtung jenseits der Bürgerstiftung Bonn ein erfreutes Lied singen.

Die intensiven Tierliebhaber Marie-Theres und Antonie freuen sich, anderen Möglichkeiten und Perspektiven eröffnen zu können, die sie sich alleine vermutlich nicht erschließen könnten. Das Gefühl, das sie dabei ergreift, beschreiben sie so: „Stolz, Freude, Ergriffenheit.“ Glück und Zufriedenheit empfinden sie, wenn sie an ihre Eltern und ihre eigene Verbundenheit denken: „Seit der Krankheit des Vaters und dem gemeinsamen Umgang mit dieser schweren Zeit wissen wir noch stärker, wie toll es ist, eine Schwester zu haben.“

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