Stifterportrait

Die anderen stets in den Mittelpunkt gestellt

Elisabeth Becker möchte die Chancen von Kindern und Jugendlichen verbessern

Kindern Werte zu vermitteln, selbst Werte und Ideale zu definieren und danach zu leben, gilt heute längst nicht mehr für alle als Selbstverständlichkeit. Die Folge: Menschen suchen Orientierung und finden keine. Was für Familie X gilt, zählt für Familie Y nicht und umgekehrt. Eine, die ihren Werten stets treu geblieben ist, sie nicht als Belastung, sondern als wertvolle Unterstützung des eigenen Handelns und Denkens empfindet, ist Elisabeth Becker. Entsprechend hat sie bereits zu Lebzeiten entschieden: Mit meinem Erbe wird der "Willi und Elisabeth Becker Stiftungsfonds" in der Bürgerstiftung Bonn errichtet, dessen Erträge insbesondere Kindern und Jugendlichen zugutekommen. „Ich möchte einen Beitrag dazu leisten, dass ihnen bessere Bildungs- und Lebenschancen ermöglicht werden“, betont die 1927 geborene Bonnerin.

Mit Blick auf ihr Leben sagt die rüstige Dame: „Ich bin zufrieden.“ Sie unterstreicht dies, wissend, dass sie ihre eigenen Interessen oft zugunsten anderer zurückstellte und wissend, dass sie es wahrlich nicht immer leicht hatte. Etwa in jener Zeit als sie im zarten Alter von 14 Jahren ihr Pflichtjahr in einer Metzgerei absolvierte. Harte Monate unter der Führung einer äußerst strengen und wie Elisabeth Becker noch heute glaubt „sehr ungerechten“ Chefin. Aber, so wie die ausgebildete Steuerbevollmächtigte nun einmal ist, nahm sie Härte und Unfairness in Kauf. Sie klagte nicht. Was ihre Mutter viele Jahre später, als sie davon erfuhr, zu der überraschten Frage veranlasste: „Warum hast Du denn nichts gesagt? Wir hätten doch etwas anderes für Dich gefunden.“ Antwort von Elisabeth Becker damals: „Das wollte ich nicht. Schließlich konnte ich ja Lebensmittel aus der Metzgerei für uns mitnehmen, ohne Lebensmittelkarten abgeben zu müssen. Die konnten wir dann doch für andere Dinge nutzen.“

Diese Selbstlosigkeit, das Denken an und der Einsatz für andere ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Ein wesentlicher Wert neben dem Wunsch nach Gerechtigkeit und Fairness. Geradezu folgerichtig beschwert sich die kinderlose Witwe auch nicht darüber, dass die Wahl auf sie und nicht auf ihre Schwester fiel als ihr Bruder 1945 aus Kriegsgefangenschaft heimkehrte und ihr kranker Vater verlangte: „Einer bleibt zuhause und kümmert sich mit um den Haushalt.“ Sie gab ihre Tätigkeit bei einem Steuerberater auf, holte die noch ausstehende Prüfung aber auf Drängen ihrer Mutter später nach. Ihrer Rolle als „Versorgerin“ und treue Begleiterin von Familienangehörigen blieb sie bis zum Tode ihres Mannes Willi treu. Ihn hatte sie 1947 bei einem Sommerfest im „Geselligen Kreis“ von Poppelsdorf kennengelernt und 1951 geheiratet. Ihn pflegte sie ebenso nach seiner schweren Erkrankung wie zuvor schon die eigenen Eltern und die Schwiegereltern. Und dies oft parallel zu mehreren Teilzeitjobs.

Sitzt man Elisabeth Becker gegenüber und lauscht ihren Erinnerungen, so verblüfft eines besonders: Bis in ihre eigene Jugend zurück, erinnert sie sich an Ereignisse und präzise Daten. Dass die Erde am 14. März 1951 und am 13. April 1992 bebte, kann sie munter plaudernd berichten. Dass sie gemeinsam mit ihrem Mann zum letzten Mal 1972 in ihr bevorzugtes Urlaubsdomizil nach Berchtesgaden gefahren war, ebenso. Und dass der Spaziergang mit der sich langsam wieder erholenden Mutter zum Grab des Vaters am 1. Mai 1946 bei schönem Wetter stattfand, weiß sie ebenso sicher. Schmunzelnd gesteht sie: „Mein Zahlengedächtnis ist eine Naturbegabung.“

Ihre große Neugier und das Interesse am Leben und Wissen hatte sie bereits als Fünfjährige unter Beweis gestellt. Partout wollte sie mit fünf Jahren „endlich“ in die Schule. Als die Eltern mit ihr beim Rektor der Marienschule deshalb vorstellig wurden, konterte dieser ihren Wunsch mit dem Hinweis: „Mensch Mädchen, Du kannst noch ein ganzes Jahr lang nur spielen.“ Elisabeth ließ nicht locker: „Stimmt. Aber ich möchte Rechnen, Schreiben und Lesen lernen.“ Der Rektor gab nach.

Der Fleiß und die Fähigkeit mehrere Dinge gleichzeitig und trotzdem gewissenhaft zu erledigen, zählen zu den wesentlichen Eigenschaften der Stifterin. Darauf, dass sie neben allen Pflegetätigkeiten insgesamt 61 Jahre lang in ihrem Beruf und davon 46 Jahre als Selbstständige tätig war, ist Elisabeth Becker durchaus ein Stück weit stolz. Darauf, dass sie nun mit knapp 90 Jahre an ihrer eigenen Steuererklärung arbeitet, ebenfalls.

Elisabeth Becker wusste und weiß, was ihr wichtig und heilig ist. Ihre Heimatstadt Bonn gehört dazu. Zahlreiche spannende Postkarten und Fotos zieren ein Album. Ansichten, die viele Bonner, heute so eventuell gar nicht kennen. Und auch in diesem Zusammenhang spielen Werte für sie eine Rolle. Achtlos Dinge wegzuwerfen, ist ihr ein Gräuel. Lieber schenkt sie schöne, alte Wanduhren einer Freundin oder überlässt Historisches dem Stadtarchiv oder dem Förderverein Poppelsdorfer Geschichte. Deren Freude ist ihre Zufriedenheit.

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